18.05.2026

Italiens Weinsektor setzt angesichts des Klimawandels, der verändert, wo und wie Trauben angebaut werden können, auf künstliche Intelligenz, Sensoren und digitale Rückverfolgbarkeit. Das sagen Branchenfachleute, für die dieser Wandel zunehmend unverzichtbar wird, um Erträge zu sichern, Betriebsmittel zu reduzieren und die Identität der Weinberge zu bewahren.
Der Vorstoß hin zum von italienischen Unternehmen sogenannten „smart vineyard“ spiegelt einen breiteren Wandel im weltweiten Weinbau wider. Steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und häufigere Wetterextreme zwingen die Betriebe dazu, sich weit über neue Rebsorten oder traditionelle Feldpraktiken hinaus anzupassen. Auf der Nordhalbkugel hat sich der Weinbau in den vergangenen Jahrzehnten bereits um rund fünf Breitengrade nach Norden verlagert und Regionen erreicht, die einst als zu kühl für Vitis vinifera galten, darunter Teile des Vereinigten Königreichs und Skandinaviens. Zugleich sind Weinberge in Gebirgsregionen wie den Alpen und den Anden in größere Höhen gewandert, um Hitzestress zu entgehen.
Vor diesem Hintergrund werden digitale Werkzeuge nicht als Luxus, sondern als praktische Antwort auf Risiken dargestellt. Die Idee besteht darin, Daten aus Rebschulen, Weinbergen und Kellereien miteinander zu verknüpfen, damit sich jede Produktionsstufe überwachen und nachvollziehen lässt. Dazu gehört die Rückverfolgung des Pflanzenmaterials von der Rebschule bis zur Flasche mithilfe von Informationssystemen, die Gesundheitszustand, Sortenidentität und Feldleistung erfassen können. Befürworter dieses Ansatzes sagen, diese Form der Rückverfolgbarkeit könne Winzern helfen, schneller zu entscheiden, Verluste zu verringern und ihre Margen in einem von Klimaschwankungen belasteten Markt besser zu verteidigen.
Die Rebschule entwickelt sich dabei zu einem der wichtigsten Testfelder dieses Modells. Unternehmen wie Vivai Cooperativi Rauscedo, eine der größten italienischen Rebschulen, setzen digitale Systeme ein, um Qualität in industriellem Maßstab zu steuern. Das Unternehmen produziert jährlich rund 80 Millionen Rebenstecklinge; zum Einsatz kommen inzwischen unter anderem Pfropftomografie, künstliches Sehen zur Sortierung von Pflanzenmaterial sowie multispektrale Aufnahmen von Drohnen über Unterlagsrebenflächen. Ziel ist es, die Rebschule in ein Echtzeit-Labor zu verwandeln, in dem Daten prädiktive Modelle speisen, die Pflanzengesundheit und Produktivität verbessern können, noch bevor die Reben überhaupt einen kommerziellen Weinberg erreichen.
Auch die Züchtung verändert sich. Forscher und Rebschulen kombinieren genetische Datenbanken mit digitalen Plattformen, um Resistenzmerkmale schneller zu identifizieren und Rebsorten zu entwickeln, die Krankheitsdruck und mit dem Klimawandel verbundene abiotische Stressfaktoren besser verkraften können. Ein von Branchenvertretern genanntes Beispiel sind Arbeiten an resistenten Sorten auf Basis von Glera, der für Prosecco verwendeten Rebsorte. Ziel dieser Bemühungen ist es, den Pestizideinsatz zu senken und zugleich die Sortenidentität zu bewahren – ein Gleichgewicht, das in einem Sektor mit Ursprung und Reputation im Zentrum weiterhin entscheidend ist.
Die Herausforderung ist nicht nur wissenschaftlicher Natur. Sie ist auch regulatorisch und kulturell. Technologien der assistierten Evolution, in Italien als TEA bekannt, stoßen in Teilen Europas weiterhin auf Skepsis; Befürworter sagen daher, es werde eine klarere Kommunikation brauchen, wenn diese Instrumente breitere Akzeptanz finden sollen. Sie argumentieren, dass digitale Systeme, die Genomforschung mit Software für das Weinbergsmanagement verbinden, eine direkte Linie zwischen Laborinnovation und Praxis im Feld schaffen könnten – was die Einhaltung von Vorgaben erleichtern und zugleich die Rückverfolgbarkeit verbessern würde.
Im Weinberg selbst setzen Erzeuger zunehmend auf Sensoren, Satellitenbilder und Drohnen, um Wasserstress, Nährstoffbedarf und Kronenzustand Pflanze für Pflanze zu messen. Das Versprechen: präzisere Bewässerung, gezieltere Behandlungen und ein geringerer Einsatz von Agrochemikalien. Experten betonen jedoch, dass Technologie allein diese Effekte nicht liefert. Der Mehrwert entsteht erst dann, wenn Rohdaten in Entscheidungen übersetzt werden, die sich im Feld schnell umsetzen lassen.
Hier positionieren sich Managementplattformen und Beratungsunternehmen als wichtige Partner. Ihre Aufgabe ist es, Winzern dabei zu helfen, Daten zum CO2-Fußabdruck, zu Wassereinsparungen und zur Effizienz des Mitteleinsatzes auszuwerten – damit diese Kennzahlen nicht nur für die interne Planung genutzt werden können, sondern auch für Zertifizierungen und die Marktpositionierung. In einem Sektor, in dem Nachhaltigkeitsversprechen zunehmend kritisch geprüft werden, zählen messbare Ergebnisse mehr als allgemeine Zusagen.
Die Debatte dürfte beim Agrifood Insight Summit am 24. Sept. bei BOOM in Osteria Grande bei Bologna noch schärfer werden. Dort wollen Unternehmen wie Quin und QGS Manager und Fachleute aus der gesamten Weinkette zusammenbringen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Prozessmanagement, Datensysteme und künstliche Intelligenz die landwirtschaftliche Produktion verändern – und wie sich diese Werkzeuge im Alltag in Weinbergen einsetzen lassen, die mit heißeren Sommern, höherem Krankheitsdruck und engeren wirtschaftlichen Margen konfrontiert sind.
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