03.08.2026
Eine neue Übersichtsarbeit im International Journal of Food Microbiology argumentiert, dass Multiomics-Werkzeuge zunehmend zentral für die Suche nach hitzetoleranten Hefen werden, die industrielle Fermentationen bei höheren Temperaturen am Laufen halten können – ein Wandel, der für die Lebensmittelproduktion, das Brauwesen, Biokraftstoffe und andere fermentationsbasierte Branchen angesichts steigender Energiekosten und wärmerer Betriebsbedingungen relevant sein könnte.
Die Arbeit, veröffentlicht unter der DOI 10.1016/j.ijfoodmicro.2026.111824, wurde von Xuexue Rao, Meiyan Li, Linling Li, Quan Yuan, Xiaodan Wang, Wentao Cao, Shuyi Qiu und Xiaoye Luo verfasst. Sie untersucht, wie Genomik, Transkriptomik, Proteomik und Metabolomik kombiniert werden können, um zu erklären, warum manche Hefen Hitzestress besser überstehen als andere, und wie diese Erkenntnisse Züchtern und Ingenieuren helfen könnten, Stämme für heißere industrielle Umgebungen zu entwickeln.
Hefe ist ein grundlegender Arbeitspferd in Branchen wie Brot, Bier, Wein, Destillaten, Milchfermentation, Enzymen, Pharmazeutika und Ethanol. Doch die meisten konventionellen Stämme verlieren mit steigenden Temperaturen an Leistung. Laut der Übersichtsarbeit kann Hitze Zellstrukturen schädigen, Enzyme beeinträchtigen und die Fermentationsleistung verringern. Das schafft praktische Probleme für Produzenten: geringere Erträge, langsamere Prozesse und eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sich unerwünschte Mikroorganismen durchsetzen, wenn die Bedingungen nicht eng kontrolliert werden.
Die Autoren sagen, dass das Thema besonders wichtig ist in Prozessen, die bereits in warmen Klimazonen oder unter hitzeintensiven industriellen Bedingungen laufen, darunter tropische Getränkefermentation, die Produktion organischer Säuren und die Herstellung von Biokraftstoffen. In solchen Umgebungen kann die Fähigkeit, bei Temperaturen über 40 °C zu fermentieren, den Kühlbedarf senken und das Kontaminationsrisiko verringern. Die Übersichtsarbeit verweist auf frühere Forschung, der zufolge eine Ethanolanlage mit einer Jahresproduktion von 30.000 Kilolitern für jede Erhöhung der Fermentationstemperatur um 5 °C einen Nettomehrerlös von 30.000 US-Dollar erzielen könnte.
Dieses wirtschaftliche Argument hat Forschende dazu veranlasst, über die traditionelle Stammverbesserung hinauszublicken. Die Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass klassische Mutageneseverfahren stark zufällig und oft ineffizient sind, mit einer positiven Mutationsrate von unter 0,1 %. Selbst wenn sie hitzetolerantere Hefen hervorbringen, kann das Ergebnis mit einer schwächeren Fermentationsleistung einhergehen. Hitzetoleranz wird nicht von einem einzelnen Gen oder einem einzelnen Signalweg gesteuert. Es handelt sich um ein polygenes Merkmal, das mit Hitzeschockproteinen, Membranlipiden, Reaktionen auf oxidativen Stress und umfassenderen metabolischen Anpassungen innerhalb der Zelle verbunden ist.
Diese Komplexität ist der Grund, warum Multiomics Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Genomik kann Mutationen oder Gencluster identifizieren, die mit Thermotoleranz verknüpft sind. Transkriptomik verfolgt, welche Gene unter Hitzestress an- oder abgeschaltet werden. Proteomik betrachtet Veränderungen in der Proteinmenge und in Wechselwirkungen. Metabolomik misst Verschiebungen bei kleinen Molekülen, die widerspiegeln, wie Zellen ihren Stoffwechsel umstellen, um zu überleben. Zusammen eingesetzt, können diese Ansätze eine vollständigere Karte davon erstellen, wie Hefe reagiert, wenn die Temperaturen steigen.
Für Lebensmittel- und Getränkehersteller ist der Nutzen dieser Karte ebenso praktisch wie wissenschaftlich. Die Fermentationsleistung hängt von stabilem Wachstum, vorhersehbarer Aromabildung und Resistenz gegen Kontamination ab. Beim Brauen oder bei Fermentationen tropischer Früchte könnten Stämme, die bei höheren Temperaturen aktiv bleiben, den Kühlbedarf senken und die Produktion in heißen Regionen widerstandsfähiger machen. Bei Käse und anderen fermentierten Lebensmitteln können Temperaturschwankungen zudem die Reifegeschwindigkeit und die biochemische Aktivität verändern und damit sowohl den Zeitplan als auch den Produktcharakter beeinflussen.
Die Übersichtsarbeit beschreibt das direkte Screening als einen Weg, nützliche Stämme zu finden. Forschende haben thermotolerante Hefen aus Kompost, heißen Quellen, tropischen Früchten und traditionellen fermentierten Lebensmitteln isoliert, indem sie Proben unter warmen Bedingungen angereichert haben. Einige Arten innerhalb von Saccharomyces cerevisiae sowie Gattungen wie Hansenula, Kluyveromyces, Candida, Saccharomycopsis und Pichia haben nach adaptiver Evolution oder Stammverbesserung Wachstum bei 45 °C gezeigt. Dennoch, so die Autoren, reichen die derzeitigen Stammressourcen weiterhin nicht aus, um den industriellen Bedarf zu decken.
Was Multiomics hinzufügt, ist ein Weg, von der breiten Suche zur gezielten Verbesserung überzugehen. Die Ganzgenomsequenzierung kann robuste Industriestämme mit schwächeren vergleichen, um Kandidatengene zu identifizieren. Transkriptom-Studien können zeigen, wie Stressreaktionswege während der Fermentation funktionieren und nicht nur in statischen Labortests. Proteomanalysen können offenlegen, ob Schutzproteine tatsächlich in ausreichender Menge gebildet werden. Metabolomische Daten können zeigen, ob Zellen unter Hitzedruck Membranintegrität, Redoxgleichgewicht und Energieversorgung aufrechterhalten.
Die Übersichtsarbeit stellt diesen integrierten Ansatz als Werkzeug für eine zielgerichtete Züchtung statt für eine Auswahl nach dem Trial-and-Error-Prinzip dar. Sobald auf mehreren Ebenen der Biologie die wichtigsten Zielgrößen identifiziert sind, können Züchter sich auf Stämme konzentrieren, die mit höherer Wahrscheinlichkeit Thermotoleranz und starke Fermentationsleistung verbinden. Das ist wichtig, weil die Industrie keine Hefen braucht, die Hitze lediglich überleben; sie braucht Hefen, die Zucker weiterhin effizient umsetzen und dabei die Produktqualität bewahren.
Die Arbeit verweist auch auf breitere Anwendungen jenseits alkoholischer Getränke. Thermotolerante Hefen sind relevant für Bioethanol der zweiten Generation aus lignozellulosischer Biomasse, bei dem Simultane Verzuckerung und Fermentation oft von wärmeren Bedingungen profitieren. Sie könnten auch bei der Abwasserbehandlung und der Produktion industrieller Biochemikalien wichtig sein, wo die Prozesstemperaturen bereits über dem liegen können, was Standardhefen bequem tolerieren.
Dennoch sind die Autoren vorsichtig, was die Grenzen der aktuellen Forschung betrifft. Sie weisen darauf hin, dass Omics-Studien oft Korrelationen statt klarer Ursache-Wirkungs-Beziehungen identifizieren. Ein Gen, das unter Hitzestress aktiver erscheint, muss nicht der Grund dafür sein, dass ein Stamm in einer Fabrikumgebung besser abschneidet. Die Überführung vorhergesagter Zielgrößen in stabile kommerzielle Eigenschaften bleibt schwierig. Industrielle Umgebungen setzen Hefe zudem mehreren Stressfaktoren gleichzeitig aus, darunter Ethanoltoxizität, Säure und osmotischer Druck – nicht nur Hitze allein.
Diese Lücke zwischen Laborerkenntnis und Fabrikleistung dürfte die nächste Forschungsphase prägen. Die Übersichtsarbeit legt nahe, dass künftige Arbeiten eine stärkere Integration zwischen der Analyse von Omics-Daten und angewandter Züchtung oder Engineering benötigen werden, damit vielversprechende Marker zu Stämmen führen, die über wiederholte Produktionszyklen hinweg zuverlässig bleiben. Bessere Datentransparenz und verfeinerte Analysemethoden könnten Forschenden zudem helfen, aussagekräftige Signale aus großen Datensätzen herauszufiltern.
Für Produzenten in den Märkten für Lebensmittel, Getränke und Bioenergie ist die Botschaft klar: Fermentation bei höheren Temperaturen bleibt attraktiv, weil sie Kühlkosten senken und die Prozesseffizienz verbessern kann, doch der Erfolg hängt von Hefestämmen ab, die für diese Bedingungen ausgelegt sind. Die Übersichtsarbeit argumentiert, dass Multiomics inzwischen eines der wichtigsten Werkzeuge ist, um herauszufinden, wie man sie entwickelt.
Die Studie wurde durch Forschungsgelder unterstützt, die mit Nachwuchsprogrammen der Guizhou University und provinziellen Innovationsprojekten in China zur Nutzung mikrobieller Ressourcen für die Fermentationsindustrie verbunden sind. Die Autoren gaben an, keine bekannten konkurrierenden finanziellen Interessen oder persönlichen Beziehungen zu haben, die die Arbeit beeinflusst haben könnten.
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