Weinaroma hängt von Hunderten von Verbindungen ab

Winzer balancieren Ester-, Terpen- und Schwefelverbindungen aus, um Frucht-, Blüten- und Fehlnoten von der Gärung bis zur Reifung zu formen

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Weinaroma hängt von Hunderten von Verbindungen ab

Das Aroma von Wein entsteht aus einer komplexen Mischung von Hunderten flüchtiger Verbindungen, von denen viele nur in Spuren vorhanden sind, aber dennoch wahrgenommen werden können, weil ihre sensorischen Schwellen sehr niedrig sind. Praktisch betrachtet wird das, was der Verkoster im Glas riecht, nicht nur von Ethanol und Polyphenolen geprägt, sondern von einer breiten Palette chemischer Familien, die in der Traube, während der Gärung oder während der Reifung des Weins entstehen.

Zu den wichtigsten zählen Ester, die Weinen oft ihre fruchtigen und süßen Noten verleihen. Verbindungen wie Ethylacetat, Isoamylacetat und Ethylhexanoat können je nach Weinstil und Herstellungsweise in Konzentrationen von Mikrogramm pro Liter bis zu Hunderten Milligramm pro Liter vorkommen. Isoamylacetat etwa wird mit Bananenaromen assoziiert und ist schon in sehr geringen Mengen wahrnehmbar, während Ethylacetat bei zu hohen Werten zum Fehler werden kann und dann nach Klebstoff oder Nagellack riecht. Diese Verbindungen entstehen vor allem während der alkoholischen Gärung durch Hefeenzyme, die Alkohole mit Acetyl-CoA verbinden. Die Alkohole selbst stammen häufig aus Aminosäuren über den sogenannten Ehrlich-Weg. Winzer können die Esterbildung durch die Wahl der Hefe, die Gärtemperatur, das Nährstoffmanagement und den Sauerstoffeintrag beeinflussen. Kühlere Gärungen und eine gute Hefenährstoffversorgung begünstigen in der Regel fruchtigere Profile, während die Flaschenreifung dazu neigt, den Estergehalt zu senken, da sich diese Verbindungen langsam abbauen.

Höhere Alkohole sind eine weitere wichtige Gruppe. Dazu gehören 3-Methyl-1-butanol, 2-Phenylethanol und 1-Hexanol. Sie haben meist höhere Geruchsschwellen als Ester und sind daher für sich genommen weniger aromatisch, prägen aber dennoch den Gesamteindruck von Wärme, Fruchtreife und Komplexität. In moderaten Mengen kann 2-Phenylethanol florale Noten beisteuern. Im Übermaß können höhere Alkohole einen scharfen Fuselcharakter verursachen. Ihre Bildung ist ebenfalls mit dem Hefestoffwechsel während der Gärung verknüpft, vor allem wenn die Verfügbarkeit von Aminosäuren begrenzt ist oder die Gärtemperaturen steigen. Weil sie mit anderen Aromastoffen interagieren, ist ihre Wirkung im Wein oft größer, als ihr einzelner Geruch vermuten ließe.

Aldehyde und Ketone spielen eine andere Rolle. Acetaldehyd ist eine der häufigsten flüchtigen Verbindungen im Wein und kann bei hohen Konzentrationen Noten von grünem Apfel oder angeschlagenem Apfel hervorrufen. Er entsteht natürlich während der Gärung und kann sich auch durch Oxidation während der Reifung erhöhen. Diacetyl ist eine weitere bekannte Verbindung dieser Gruppe. Es wird mit buttrigen Aromen in Verbindung gebracht und entsteht vor allem bei der malolaktischen Gärung durch Oenococcus oeni und verwandte Bakterien. In kleinen Mengen kann es einem Wein Weichheit und Rundheit verleihen; in größeren Mengen dominiert es und kann je nach Stil als Fehler wahrgenommen werden. Eine weitere wichtige Verbindung ist Beta-Damascenon, ein Norisoprenoid mit extrem niedriger Geruchsschwelle, das selbst in winzigen Konzentrationen florale und fruchtige Noten beitragen kann. Es entsteht beim Abbau von Carotinoiden in den Trauben und kann im Laufe der Zeit auch aus gebundenen Formen freigesetzt werden.

Terpene sind besonders wichtig bei aromatischen Rebsorten wie Muscat und Gewürztraminer. Linalool gehört zu den bekanntesten, weil es florale, zitrusartige Noten liefert. Weine enthalten aber auch verwandte Verbindungen wie Geraniol, Nerol und mehrere oxidierte Formen von Linalool. Viele dieser Verbindungen liegen in den Trauben als Glycoside vor, das heißt, sie sind an Zuckermoleküle gebunden und riechen erst dann deutlich, wenn sie während der Vinifikation oder Reifung durch Enzyme oder saure Bedingungen freigesetzt werden. Das ist einer der Gründe, warum manche Weine nach der Gärung oder nach einiger Zeit in der Flasche aromatischer wirken. Der Terpengehalt hängt stark von Rebsorte, Reifegrad und Weinbergsbedingungen wie Sonneneinstrahlung ab.

Auch phenolische flüchtige Verbindungen und verwandte Stoffe spielen eine Rolle, insbesondere bei in Eiche ausgebauten oder mikrobiell beeinträchtigten Weinen. Guajacol und Eugenol können aus getoasteten Barriques stammen und rauchige oder nelkenartige Noten beitragen. Ein Befall mit Brettanomyces kann 4-Ethylphenol und 4-Ethylguajacol erzeugen, die oberhalb ihrer Schwellenwerte oft als stallig, medizinisch oder ledrig beschrieben werden. Diese Verbindungen gehören zu den am genauesten beobachteten Fehlern bei Rotwein, weil schon geringe Anstiege den Charakter eines Weins dramatisch verändern können.

Der Ausbau im Holzfass fügt über Lactone wie Beta-Methyl-Gamma-Octalacton eine weitere Ebene hinzu; je nach Herkunft des Fasses und Toasting-Grad können sie Kokos- oder Holzaromen bringen. Außerdem trägt er Furane wie Furfural und verwandte Verbindungen bei, die an Karamell, Toast oder gebackenes Brot erinnern können. Das genaue Profil hängt von der verwendeten Holzart ab, davon, wie stark das Fass getoastet wurde, und davon, wie lange der Wein im Fass bleibt.

Schwefelverbindungen gehören weiterhin zu den empfindlichsten Markern im Weinaroma, weil sie sowohl erwünscht als auch problematisch sein können. In sehr niedrigen Konzentrationen tragen bestimmte Thiole Passionsfrucht-, Grapefruit- oder Buchsbaumnoten bei Sorten wie Sauvignon Blanc bei. In höheren Konzentrationen erzeugen Schwefelwasserstoff und Mercaptane Gerüche nach faulen Eiern oder Zwiebeln, die auf Reduktionsfehler hinweisen. Winzer steuern diese Risiken über Nährstoffbalance, Sauerstoffkontrolle und sorgfältige Überwachung während der Gärung.

Die Chemie hinter diesen Aromen wird meist mit Gaschromatographie gekoppelt an Massenspektrometrie untersucht, oft nach Extraktionsverfahren wie Solid-Phase-Microextraction oder Flüssig-Flüssig-Extraktion. In einigen Fällen kommt Flüssigchromatographie zum Einsatz für weniger flüchtige Vorstufen oder gebundene Formen, die gemessen werden müssen, bevor sie in aromawirksame Moleküle umgewandelt werden.

Was das Weinaroma besonders schwer vorhersehbar macht: Die Konzentration allein erzählt nicht die ganze Geschichte. Eine Verbindung kann in hoher Menge vorhanden sein und dennoch kaum sensorische Wirkung haben, wenn ihre Schwelle hoch ist. Eine andere tritt vielleicht nur in Spuren auf und dominiert dennoch die Wahrnehmung, weil Menschen sie schon in extrem niedrigen Konzentrationen erkennen. Auch Matrixeffekte spielen eine Rolle: Ethanol verändert die Flüchtigkeit, Polysaccharide können die Freisetzung von Aromen zurückhalten, der pH-Wert kann beeinflussen, wie sich Verbindungen im Mund verhalten, und Speichel kann beim Verkosten einige Moleküle freisetzen.

Die Rebsorte bleibt einer der stärksten Treiber des Aromapotenzials. Weinbergsmaßnahmen wie Laubwandmanagement, Bewässerung und Lesezeitpunkt beeinflussen maßgeblich, wie viel Vorstufenmaterial sich in den Trauben entwickelt. Die Hefewahl prägt die Gäraromen durch Veränderungen bei Esterbildung und Schwefelrisiko. Die malolaktische Gärung kann die Säure mildern, aber auch den Diacetylgehalt erhöhen. Sauerstoffkontakt während des Ausbaus kann helfen, Farbe zu stabilisieren und Reduktionsfehler zu verringern; zugleich kann er einige Aromen stärker in Richtung reiferer Profile verschieben.

Für Winzerinnen und Winzer, die Frische bewahren, Frucht betonen oder Fehler vermeiden wollen, sind diese chemischen Familien zentral für Entscheidungen vom Lesetermin bis zur Abfüllung. Die Herausforderung besteht nicht einfach darin, Aroma zu maximieren, sondern konkurrierende Stoffwechselwege so auszubalancieren, dass erwünschte Noten klar bleiben und unerwünschte unterhalb ihrer Schwelle bleiben.

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