Weißwein erreicht fast 30 Prozent des chinesischen Weinmarkts
Neue Vertriebskanäle und der Weinkonsum zu Hause kurbeln die Nachfrage an, während sich der Markt für Rotweinproduzenten abschwächt
Dienstag, 27. Oktober 2026

Der chinesische Weinmarkt zeigt eine Entwicklung, die Erzeuger und Importeure nicht länger ignorieren können. Die jüngsten Geschäftszahlen des heimischen Weinherstellers Zhangyu A und eine Reihe aktueller Import- und Exportdaten deuten auf einen insgesamt schwachen Weinmarkt hin, insbesondere bei Rotwein. Weißwein gewinnt in China dagegen durch neue Konsumgewohnheiten, neue Vertriebskanäle und eine Abkehr vom Konsum bei Banketten Marktanteile.
Zhangyu A, eines der bekanntesten Weinunternehmen Chinas, gehörte vor Kurzem zu den ersten Branchenunternehmen, die ihre Ergebnisse für die ersten drei Quartale des Jahres veröffentlichten. Das Unternehmen meldete einen Umsatz von 2,25 Milliarden Yuan, ein Plus von 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der den Aktionären zurechenbare Nettogewinn sank hingegen um 19,3 Prozent auf 151 Millionen Yuan. Allein im dritten Quartal stieg der Umsatz um 5,5 Prozent auf 680 Millionen Yuan, während der Quartalsgewinn um 468,92 Prozent auf 10,9 Millionen Yuan sprang. Aus den jüngsten Berichten des Unternehmens ging hervor, dass der starke Zuwachs zum Teil auf die niedrige Vergleichsbasis im Vorjahreszeitraum zurückzuführen war.
Trotz einer gewissen Verbesserung der Quartalszahlen blieb die Gesamtlage schwierig. Zhangyu erklärte Anfang des Jahres, die Marketingausgaben erhöht zu haben, um den Abverkauf im Einzelhandel anzukurbeln. Zudem habe das Unternehmen durch Veränderungen im Produktmix Kostendruck verspürt. Diese Faktoren schmälerten die Gewinnmargen. Für viele in der Branche spiegeln die Ergebnisse mehr wider als die Probleme eines einzelnen Erzeugers. Sie zeigen, wie schwierig es geworden ist, den Weinabsatz in China profitabel zu steigern.
Die Schwäche beschränkt sich nicht auf China. Auch Bordeaux, eine der etabliertesten Weinregionen der Welt, verzeichnet sinkende Mengen und Werte. Daten des Bordeaux-Weinrats (CIVB) zufolge gingen die Auslieferungen der Bordeaux-Weingüter in den zwölf Monaten bis Ende April 2026 um 11 Prozent auf 2,992 Millionen Hektoliter zurück. Nach Angaben des Rats war dies der erste Rückgang der jährlichen Bordeaux-Auslieferungen unter 3 Millionen Hektoliter seit Beginn der modernen Aufzeichnungen. In den zwölf Monaten bis Mai 2026 sank das Exportvolumen aus Bordeaux um 8 Prozent und der Exportwert um 15 Prozent. Besonders schwach entwickelten sich die Exporte nach China, deren Volumen um 27 Prozent zurückging.
Vor diesem Hintergrund ist Weißwein zu einem der wenigen Lichtblicke geworden. Teilnehmer des China White Wine Consumption Trends Summit 2026, der im Rahmen der herbstlichen Zucker- und Weinmesse des Landes stattfand, erklärten, die Kategorie wachse trotz des weiterhin schwachen Gesamtmarkts. Ein Manager der neuseeländischen Weinmarke Oyster Bay sagte den Teilnehmern, das Versandvolumen des Unternehmens allein im September habe in diesem Markt ungefähr dem Gesamtjahresvolumen von 2021 entsprochen. Das zeige, wie schnell die Nachfrage gestiegen sei.
Yang Zhengjian, Dekan der WBO Wine Business Academy, sagte, die Exportdaten aus Bordeaux zeigten, dass die Ausfuhren von AOP-Weißwein in Gebinden unter 2 Litern um 86,3 Prozent gestiegen seien, obwohl die Gesamtexporte der Region zurückgingen. Auch in China sei eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Vor etwa zehn Jahren habe das Verhältnis von Rot- zu Weißwein in China bei rund 9 zu 1 gelegen, sagte Yang. Inzwischen sei es auf etwa 10 zu 2,5 oder 3 gestiegen. Damit erreiche Weißwein annähernd 30 Prozent des Marktvolumens.
Die Veränderung zeigt sich bereits in den Umsätzen der Unternehmen. Yang zufolge entfielen im ersten Halbjahr 2026 bei Dynasty 62,8 Prozent des Umsatzes auf Weißwein. Beim Weingut Huadong in Qingdao habe der Anteil 2025 bei nahezu 60 Prozent gelegen. Zugleich sei die inländische Produktionskapazität für trockenen Weißwein weiterhin begrenzt. Daher importierten einige chinesische Unternehmen, darunter Dynasty und Great Wall, Fasswein aus Neuseeland, um ihn in China abzufüllen.
Auch die Importzahlen deuten auf ein wachsendes Interesse an Weißwein hin, obwohl die Weinimporte insgesamt unter Druck stehen. Von Januar bis September importierte China nach Angaben aus Branchenkreisen rund 160 Millionen Liter Wein, 5,3 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Wert dieser Importe stieg jedoch um 5,6 Prozent auf rund 1,17 Milliarden US-Dollar. Das deutet auf eine Verlagerung zu höherpreisigen Produkten oder einen besseren Produktmix hin. Im August und September legten die Importe aus traditionellen Weißweinexportländern wie Neuseeland und Deutschland entgegen dem allgemeinen Trend zu. Im September importierte China 1,13 Millionen Liter abgefüllten Wein aus Neuseeland, ein Plus von 127,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat; der Importwert stieg um 50,1 Prozent. Gemessen am Importwert rückte Neuseeland unter den Herkunftsländern abgefüllten Weins auf den dritten Platz vor. Die Importe aus Deutschland stiegen mengenmäßig um 59,9 Prozent und wertmäßig um 49 Prozent.
Branchenvertreter führen den Aufstieg des Weißweins auf Veränderungen bei den Konsumgewohnheiten und den Orten zurück, an denen chinesische Verbraucher Wein trinken. Jahrelang war ein großer Teil des Weinkonsums in China mit Geschäftsessen, formellen Banketten und gesellschaftlichen Anlässen verbunden, bei denen Status eine Rolle spielte – und damit vor allem mit Rotwein. Heute wird der Konsum stärker von ungezwungenen Mahlzeiten, dem Trinken zu Hause, Bequemlichkeit und dem geprägt, was chinesische Händler häufig als „Selbstbelohnungskonsum“ bezeichnen. In solchen Situationen kommen gekühlte Weine, leichtere Stilrichtungen und Flaschen besser an, die sich unkompliziert öffnen und mit Alltagsgerichten kombinieren lassen.
Jiang Changyu, Geschäftsführer der Supply-Chain-Plattform des großen chinesischen Spirituosenhändlers 1919, sagte, der Anteil von Wein am Endkundengeschäft des Unternehmens sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken: von früher rund 18 Prozent auf nun 6 bis 7 Prozent. Gleichzeitig seien die Weißweinverkäufe stark gewachsen, und das Unternehmen baue sein Geschäft mit einer eigenen Weißweinmarke aus.
Auch Veränderungen bei den Vertriebskanälen spielen eine Rolle. Chen Hua, stellvertretender Geschäftsführer von Jiangsu Sutang Sugar & Wine Food Co., sagte, in Nanjing konzentriere sich das Wachstum der Weißweinverkäufe auf Restaurants, den Sofortlieferhandel und neue Einzelhandelsformate wie Sam’s Club und Freshippo. Wang Zuming, Generalsekretär des Weinkomitees der China Alcoholic Drinks Distribution Association, sagte, der Filialhandel habe sich in den vergangenen Jahren entgegen dem Markttrend entwickelt. Die rasche Ausweitung des Sofortlieferhandels habe gekühltem Wein einen praktischen Weg zu den Verbrauchern eröffnet. Seiner Ansicht nach konnte Weißwein dadurch dem Bier Marktanteile abnehmen.
Eine stärkere Nachfrage bedeutet jedoch nicht, dass das Geschäft einfacher geworden ist. Importeure und Händler berichten, dass die Kategorie bereits mit bekannten Problemen wie einer Überschneidung des Produktangebots und Preiskonkurrenz konfrontiert ist. Ein Weinhändler aus Tianjin sagte chinesischen Medien, sein Unternehmen habe zuvor einen deutschen Riesling als süßen Weißwein über eine lokale Lifestyle-Plattform zum Einzelhandelspreis von 69 Yuan pro Flasche mit soliden Ergebnissen verkauft. Inzwischen sei der Markt voller Rieslinge für 30 oder 40 Yuan. Dasselbe Muster zeige sich bei Sauvignon Blanc aus Neuseeland. Früher hätten die Einkaufspreise im Großhandel häufig zwischen 50 und 110 Yuan pro Flasche gelegen; inzwischen seien manche günstigen Produkte für 20 bis 30 Yuan erhältlich.
Der Preisdruck lässt ein altes Problem im chinesischen Importweinhandel wieder aufleben. Viele Marktteilnehmer verließen sich jahrelang stärker auf ihre Vertriebsreichweite als auf den Aufbau von Marken und setzten auf niedrige Preise, um ihre Produkte abzusetzen. Branchenmanager sagen, einige Händler gingen nun bei Weißwein ähnlich vor, obwohl die Verbraucher inzwischen stärker auf Preise achteten und besser informiert seien. Da sich Produktinformationen online leichter überprüfen ließen, sei es schwieriger geworden, ein Geschäftsmodell aufrechtzuerhalten, das kaum mehr als exklusive Vertriebskanäle und eine neue Etikettierung biete.
Yin Kai, Gründer von Chao Yin Hui (Shanghai) Brand Management Co., sagte, erste Anzeichen einer Vereinheitlichung des Produktangebots seien bereits erkennbar. Da immer mehr Importeure Sauvignon Blanc und Riesling ins Land brächten, häuften sich ähnliche Produkte und der Preiskampf verschärfe sich. Was dem Markt seiner Ansicht nach fehle, seien nicht weitere Flaschen desselben Stils, sondern leistungsfähigere Vertriebskanäle und eine klarere Verbraucheransprache. So könne Wein stärker im Alltag verankert werden, statt vor allem zu gelegentlichen Geschenken oder formellen Anlässen zu dienen.
Wang sagte, der Wachstumstrend bei Weißwein sei real. Für die Branche sei es jedoch wichtiger, ihre Denkweise zu ändern. Einige Erzeuger und Händler arbeiteten noch nach einem überholten Modell. Der Markt brauche nun mehr Innovation bei Dienstleistungen und Trinkgelegenheiten, damit Wein Teil der alltäglichen Esskultur werde und nicht von Einzelaktionen oder davon abhänge, dass Händler einfach Kisten von einem Vertriebskanal in den nächsten verschieben.