18.06.2026
Das globale Weingeschäft schrumpft mengenmäßig, doch ein Teil des Marktes wächst weiterhin schnell: Weine, die als biologisch, biodynamisch, naturbelassen, vegan und zunehmend regenerativ verkauft werden. Diese Entwicklung wird zu einem der deutlichsten Zeichen dafür, wie sich die Branche an Klimadruck, schwächeren Konsum und eine jüngere Käuferschaft anpasst, die mehr Informationen darüber will, wie eine Flasche hergestellt wurde.
Die Internationale Organisation für Rebe und Wein (OIV) teilte mit, dass die weltweite Rebfläche 2025 zum sechsten Mal in Folge auf rund 7 Millionen Hektar gesunken sei, ein Minus von 0,8% gegenüber 2024. Die weltweite Weinproduktion wurde auf 227 Millionen Hektoliter geschätzt, die dritte aufeinanderfolgende Ernte mit historisch niedrigen Mengen nach extremen Wetterereignissen in wichtigen Anbauregionen. Auch der Konsum ging zurück, auf 208 Millionen Hektoliter, da Inflation, geopolitische Spannungen und veränderte Gewohnheiten die Nachfrage belasteten.
Der breite Rückgang hat Verbraucher jedoch nicht davon abgehalten, mehr für Weine zu zahlen, die mit Umweltversprechen und einer Produktion mit weniger Eingriffen verbunden sind. Von Branchenberichten zitierte Marktforscher schätzen den globalen Markt für Bio-Wein im Jahr 2025 auf rund 12,78 Milliarden bis 13,34 Milliarden US-Dollar; bis 2026 könnte er auf etwa 14,74 Milliarden bis 14,83 Milliarden US-Dollar steigen. Langfristige Prognosen gehen je nach Unternehmen von einem Marktvolumen von rund 29,09 Milliarden bis 36,47 Milliarden US-Dollar bis 2033 oder 2034 aus, bei jährlichen Wachstumsraten meist über 10%.
Besonders stark ist die Nachfrage bei jüngeren Trinkern. Branchenanalysen von IWSR und Datenfirmen für Verbraucherverhalten zeigen, dass Millennials und Gen Z die Nachfrage nach Weinen antreiben, die als nachhaltig oder wenig interventionistisch vermarktet werden. Die Suchaktivität für Begriffe wie „no additives“ und „chemical free“ ist bei weinbezogenen Suchanfragen laut Tastewise-Daten, auf die sich Produzenten und Branchenanalysten berufen, deutlich gestiegen. IWSR berichtete zudem, dass alternative Weinkategorien trotz begrenzter Verfügbarkeit in vielen klassischen Einzelhandels- und Gastronomiekanälen starke Chancen bieten.
Ein Teil der Herausforderung besteht darin, dass „alternative wine“ keine einzelne Kategorie ist, sondern mehrere – jeweils mit unterschiedlichen Regeln und Bedeutungen.
In der Europäischen Union ist Bio-Wein das am klarsten regulierte Segment. Nach EU-Regeln bezeichnen organic wine, ecological wine und biological wine dasselbe zertifizierte Produktionsmodell. Die Trauben müssen ohne synthetische Pestizide, Herbizide oder künstliche Stickstoffdünger angebaut werden. Doch Zertifizierung bedeutet nicht einen völlig eingriffsfreien Keller. Die EU-Regeln erlauben weiterhin eine Reihe von Hilfsstoffen und önologischen Eingriffen, darunter ausgewählte Hefen und einige Zusatzstoffe.
Schwefeldioxid bleibt eine der wichtigsten Trennlinien. Nach den EU-Bio-Standards sind Gesamtsulfite bei trockenen Rotweinen auf 100 Milligramm pro Liter und bei Weiß- und Roséweinen auf 150 Milligramm pro Liter begrenzt. Diese Grenzwerte liegen unter denen für konventionelle EU-Weine; dort gelten Obergrenzen von 150 mg/L für trockene Rotweine und 200 mg/L für Weiß- und Roséweine. In den Vereinigten Staaten gelten andere Standards: Weine mit USDA-Bio-Kennzeichnung dürfen keine zugesetzten Sulfite enthalten, während Weine mit dem Label „made with organic grapes“ zugesetzte Sulfite bis zu 100 mg/L enthalten dürfen.
Biodynamischer Wein geht über den ökologischen Anbau hinaus, indem er den Weinberg als in sich geschlossenes lebendes System betrachtet. Der Ansatz geht auf Ideen zurück, die Rudolf Steiner in den 1920er-Jahren einführte, und verbindet ökologischen Anbau mit speziellen Bodenpräparaten sowie Arbeiten nach Mond- und Kosmoskalendern. Die Zertifizierung erfolgt vor allem durch private Gruppen statt durch staatliche Stellen.
Demeter International ist der bekannteste Zertifizierer und verlangt eine vollständige Umstellung des gesamten Betriebs statt Mischproduktion. Seine Standards verschärfen auch Kellerpraxis und Schwefelgrenzen; erlaubt sind bis zu 70 mg/L bei trockenen Rotweinen und 90 mg/L bei Weißweinen. Biodyvin, eine weitere einflussreiche Gruppe mit Sitz in Frankreich, erlaubt etwas höhere Werte, setzt aber ebenfalls strenge Verkostungs- und Produktionsanforderungen.
Naturwein bleibt die am wenigsten standardisierte Kategorie und zugleich die umstrittenste. Es gibt weiterhin keine EU-weite rechtliche Definition von „natural wine“, sodass Produzenten auf private Verbände oder nationale Rahmenwerke angewiesen sind. In der Praxis beginnen die meisten Naturweinproduzenten mit biologisch oder biodynamisch erzeugten Trauben, vergären mit wilden Hefen und verzichten auf gängige Eingriffe wie Säuerung, starke Filtration oder kommerzielle Zusatzstoffe.
Frankreich ist bei der Formalisierung der Kategorie am weitesten gegangen – mit seinem Rahmenwerk „Vin Méthode Nature“. Dieses System erkennt Weine aus autochthonen Hefen auf zwei Stufen an: eine ohne zugesetzte Sulfite und mit natürlich vorkommendem Schwefel unter 20 mg/L sowie eine zweite Stufe mit begrenzten Zugaben bis zu 30 mg/L. Andere Verbände in Europa verwenden andere Schwellenwerte. Spaniens Verband der Naturweinproduzenten hat einen strengeren Kurs eingeschlagen und den Gesamtschwefel auf höchstens 20 mg/L festgelegt.
Diese fehlende Harmonisierung hat kommerzielle Folgen. Produzenten sagen, sie sorge für Verwirrung bei Käufern und lasse Raum für Greenwashing durch Unternehmen, die auf Etiketten unklar definierte Begriffe verwenden. Zudem erschwert sie den Export, weil Importeure und Restaurants oft eher auf private Siegel als auf öffentliches Recht zurückgreifen, wenn sie entscheiden müssen, was als Naturwein gilt.
Veganer Wein adressiert ein ganz anderes Thema: tierische Schönungsmittel im Klärungsprozess. Viele Verbraucher gehen davon aus, dass jeder Wein vegan sei, weil er aus Trauben hergestellt wird; doch im konventionellen Weinbau werden häufig Eiweiß aus Eiern, Casein aus Milch, Gelatine oder Fischblasenproteine eingesetzt, um Schwebstoffe zu entfernen und die Textur zu glätten. Vegan zertifizierte Weine ersetzen diese Stoffe durch Alternativen wie Bentonit-Ton oder pflanzliche Proteine aus Erbsen oder Kartoffeln.
Eine Flasche kann vegan sein, ohne biologisch zu sein – nämlich dann, wenn sie aus konventionell angebauten Trauben stammt, im Keller aber keine tierischen Produkte verwendet wurden. Umgekehrt gilt ebenfalls: Ein Bio-Wein ist nicht zwangsläufig vegan, wenn tierische Schönungsmittel eingesetzt wurden.
Regenerative Vitikultur ist kommerziell noch jünger, gewinnt in Klimadebatten aber zunehmend an Bedeutung. Statt nur Schäden zu verringern, zielt regenerative Landwirtschaft darauf ab, Bodengesundheit, Biodiversität und Kohlenstoffspeicherung zu verbessern. Im Weinberg bedeutet das meist weniger Bodenbearbeitung, dauerhafte Begrünung zwischen den Reihen, Komposteinsatz, Strategien zur Wasserspeicherung und manchmal auch Beweidung durch Tiere zwischen den Rebzeilen.
In Spanien wirbt die Association of Regenerative Viticulture seit 2021 für dieses Modell – unterstützt von Weingütern wie Familia Torres, Clos Mogador und Can Feixes. Befürworter argumentieren, dass gesündere Böden Reben helfen können, Dürre und Hitze besser zu überstehen, während Weinberge so eher zu Kohlenstoffsenken als zu Nettoemittenten werden.
Diese Produktionsmodelle prägen auch Stiltrends. Pét-nat-Schaumweine ziehen weiterhin Aufmerksamkeit auf sich, weil sie durch eine einzige Gärung hergestellt werden, die in der Flasche abgeschlossen wird – statt durch das stärker kontrollierte traditionelle Verfahren von Champagne. Das Ergebnis ist oft trüblich-, leicht perlend und alkoholärmer. Orange Wines – hergestellt durch Vergärung weißer Trauben mitsamt Schalen wie bei Rotweinen – haben ebenfalls stärker den Mainstream erreicht: Restaurants suchen nach Flaschen für moderne Degustationsmenüs; Verbraucher wiederum nach ungewohnten Texturen ohne Abschied von vertrauten Rebsorten.
Auch regulatorisch bewegt sich etwas – wenn auch nicht immer gleichmäßig über alle Kategorien hinweg. Zu den in diesem Jahr verabschiedeten umfassenderen Änderungen der EU-Weinpolitik gehören neue Kennzeichnungsregeln sowie Unterstützungsmaßnahmen für Produzenten angesichts von Klimastress und schwacher Nachfrage nach konventionellem Wein. Die Verordnung (EU) 2026/471 aktualisiert Teile des Marktregelwerks für Wein in der Union und erweitert zugleich Instrumente für Förderung, Umstrukturierung und Krisenmanagement.
Eine bemerkenswerte Änderung betrifft alkoholfreie und alkoholreduzierte Weine. Nach dem neuen Rahmenwerk dürfen Produkte aus reinem Traubenerzeugnis mit einem Alkoholgehalt unter 0,05% vol als „alcohol-free 0.0%“ gekennzeichnet werden. Eine separate Kategorie für reduzierten Alkohol gilt dann, wenn der Alkoholgehalt mindestens 30% unter dem normalerweise für die jeweilige Kategorie oder Appellationsregel erforderlichen Mindestwert liegt. Verbindliche Kennzeichnungsvorschriften für diese Produkte sollen ab September 2027 in allen Mitgliedstaaten gelten.
Die EU hat zudem die Unterstützung für Investitionen erhöht, die mit Klimaschutz- und Nachhaltigkeitszielen verbunden sind. Nach Angaben europäischer Institutionen können Projekte im Zusammenhang mit Energiewende-, Wasserspar- oder ähnlichen Umweltverbesserungen eine Kofinanzierung von bis zu 80% erhalten. Gleichzeitig hat Brüssel Kriseninstrumente gestärkt, die es Mitgliedstaaten erlauben sollen, Rodungen im Weinberg zu finanzieren, wenn Krankheitsdruck oder strukturelle Überproduktion eine Fortführung der Produktion untragbar machen.
Spanien zeigt exemplarisch, wie sich dieser Druck vor Ort auswirkt. Das Land verfügt zwar weiterhin insgesamt über die weltweit größte Rebfläche; doch die Fläche für den Weinbau sank 2025 laut spanischen Branchenstatistiken unter Berufung auf Verbände auf 889.470 Hektar und damit unter 900.000 Hektar. Das waren 2,4% weniger als ein Jahr zuvor.
Bio-Weinberge haben sich trotz eines leichten Rückschlags besser gehalten als der Sektor insgesamt. Spanien meldete 2024 eine Bio-Rebfläche von 164.861 Hektar; das entspricht rund 18% seiner gesamten Rebfläche. Castilla-La Mancha hatte mit 68.541 Hektar die größte absolute Bio-Fläche; Katalonien erreichte 34.314 Hektar und nahezu 59,8% seiner Rebfläche unter Bio-Bewirtschaftung. Murcia wies laut spanischen Branchendaten mit 68,8% den höchsten prozentualen Anteil landesweit auf.
Die nationale Gesamtfläche sank 2024 um 0,9% – erstmals seit Beginn der offiziellen Erfassung im Jahr 2001 ein Rückgang. Regionale Muster deuten jedoch eher auf anhaltende Dynamik in Premiumgebieten als auf einen breiten Rückzug hin. In Rioja stieg die Bio-Rebfläche um 11,8%, Aragón legte um 12% zu und das Baskenland um 19,3%, was einen Trend hin zu höherwertiger Produktion widerspiegelt – während Massenwein unter schwächeren Margen leidet.
Italien liefert ein weiteres Zeichen dafür abseits Europas bereits weit fortgeschritten ist dieser Wandel in Teilen Europas? Branchenzahlen dort zeigen mehr als 127.000 Hektar ökologisch bewirtschaftete Rebfläche; das entspricht rund 18,%?
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