Bayerische Brauerei testet Bier als Kältespeicher für eine intelligentere Stromnutzung
Das KI-Pilotprojekt passt die Kühlung von neun Gärtanks stärker an Solarstromangebot und günstigere Strompreise an, ohne die Braustandards zu verändern.
Mittwoch, 7. Oktober 2026

Eine bayerische Brauerei prüft in einem Pilotprojekt, ob Bier als eine Art Kältespeicher dienen kann. Mithilfe künstlicher Intelligenz soll der Kühlbedarf in Zeiten mit höherer Solarstromerzeugung und niedrigeren Strompreisen verlagert werden.
Die familiengeführte Brauerei zum Kuchlbauer in Abensberg arbeitet mit der Bayernwerk Netz GmbH und dem Technologieunternehmen encentive daran, die Kühlprozesse für die Bierproduktion digital zu steuern. Das geht aus einer am Dienstag von Bayernwerk veröffentlichten Mitteilung hervor. Im Mittelpunkt des Projekts stehen die Kühlanlage der Brauerei und neun Gärtanks, deren Temperatur während des Brauens und der Gärung innerhalb festgelegter Grenzen bleiben muss.
Die Grundidee ist, den zulässigen Temperaturbereich gezielter zu nutzen. Wenn reichlich Strom aus der eigenen Photovoltaikanlage der Brauerei zur Verfügung steht oder Netzstrom günstiger ist, könnte das System das Bier stärker herunterkühlen. Zu anderen Zeiten ließe sich die Kühlleistung verringern, sodass sich das Bier leicht erwärmt, aber weiterhin innerhalb der strengen Produktionsgrenzen bleibt. In diesem Sinne würde das Produkt selbst als Wärmepuffer dienen.
Die Unternehmen bezeichneten das Vorhaben als Pilotprojekt für digitales Energiemanagement und nicht als fertige kommerzielle Lösung. Zunächst gehe es darum, verlässliche Betriebsdaten zu sammeln und besser zu erfassen, wann die Brauerei am meisten Energie verbraucht, wann Verbrauchsspitzen auftreten und wie viel Flexibilität der Produktionsprozess zulässt. Angaben zu den erwarteten Einsparungen wurden nicht veröffentlicht; auch legten die Partner keine Messwerte aus dem Versuch vor.
Die Kühlung zählt zu den energieintensivsten Bereichen des Brauens. Frisch gebrautes Bier muss während der Gärung in einem kontrollierten Temperaturbereich gehalten werden; Veränderungen, die die Produktqualität beeinträchtigen, sind nicht akzeptabel. Nach Angaben der Partner ist das Projekt auf diese Grenzen ausgelegt. Brauprozess und Produktstandards sollen unverändert bleiben.
Jacob Horsch, Geschäftsführer von Kuchlbauer, sagte in der Mitteilung, durch die digitale Vernetzung der Anlagen lasse sich erkennen, wann der Energiebedarf am höchsten sei, wo Verbrauchsspitzen aufträten und welcher Spielraum im Produktionsplan bestehe. Auf dieser Grundlage wollten die Brauerei und ihre Partner ermitteln, ob sich nennenswerte Flexibilität nutzen lasse und in welchem Umfang.
Bayernwerk zufolge führt das Pilotprojekt mehrere Datenströme in einem System zusammen. Die Plattform Energy Portal Business des Unternehmens dient als zentrale Energiemanagementlösung; zugleich wird die Software flexOn von encentive eingebunden, um Daten aus der Kühlanlage und den Gärtanks zu erfassen. Außerdem bezieht das System historische Verbrauchsdaten, Wetterdaten und Strompreisprognosen ein. Nach Angaben der Unternehmen nutzt die KI diese Daten, um Muster zu erkennen und Betriebspläne für die Anlagen zu berechnen.
Ein Grund für die Bedeutung des Projekts ist, dass Erzeugung und Verbrauch nicht immer zeitgleich stattfinden – auch an Standorten mit umfangreicher eigener Erzeugung erneuerbarer Energie. Bayernwerk zufolge produziert Kuchlbauer insgesamt bereits mehr Strom, als die Brauerei verbraucht. Zu bestimmten Zeiten muss sie dennoch Strom aus dem öffentlichen Netz beziehen, weil der Braubedarf nicht immer mit der Sonneneinstrahlung oder der Verfügbarkeit gespeicherter Energie zusammenfällt.
Dieses zeitliche Missverhältnis ist in der Lebensmittel- und Getränkeherstellung weit verbreitet: Kühlung, Heizung und Pumpen müssen häufig dem Produktionsbedarf folgen und nicht dem Strommarkt. Gerade im Brauwesen könnte eine flexible Kühlung eine praktische Möglichkeit bieten, die Anfälligkeit gegenüber schwankenden Stromkosten zu verringern und selbst erzeugte erneuerbare Energie besser zu nutzen – sofern sich der Prozess ohne Qualitätseinbußen steuern lässt. Ähnliche Ansätze könnten künftig auch für andere Getränkehersteller interessant werden, die auf temperaturgeführte Prozesse angewiesen sind, darunter Weingüter und Brennereien.
Bayernwerk stellte das Projekt als Beispiel dafür vor, wie kleine und mittelständische Industrieunternehmen digitale Werkzeuge für die Energiewende einsetzen könnten. Maximilian Weinzierl, Leiter Digitale Kundenlösungen bei Bayernwerk Netz, sagte in der Mitteilung, Unternehmen könnten eine Grundlage für bessere Geschäftsentscheidungen und einen nachhaltigeren Energieeinsatz schaffen, wenn sie ihren Energieverbrauch digital erfassten und vorhandene Flexibilität gezielter nutzten. Für die umfassendere Energiewende brauche es nicht nur mehr Erzeugungskapazitäten und leistungsfähigere Netze, sondern auch neue Wege im Umgang mit Strom, fügte er hinzu.
Das Pilotprojekt zeigt zudem das wachsende Interesse an „Flexibilität auf der Nachfrageseite“: Unternehmen können dabei bestimmte Lasten zeitlich so verschieben, dass sie besser zum Angebot erneuerbarer Energien, zu Marktpreisen oder zu den Netzbedingungen passen. Industrielle Kühlung gilt häufig als besonders geeignet, weil Kühlsysteme nicht durchgehend mit voller Leistung laufen müssen – vorausgesetzt, Produkt und Prozess bleiben innerhalb enger Grenzwerte.
Bayernwerk, das in weiten Teilen Bayerns Stromnetze betreibt und außerdem in den nördlichen und östlichen Landesteilen ein Gasnetz unterhält, erklärte, seine digitale Plattform solle Kunden helfen, sowohl Kosten als auch CO2-Emissionen zu senken. Wann der Versuch bei Kuchlbauer enden soll und ob das Modell auf weitere Industriestandorte ausgeweitet wird, teilte das Unternehmen nicht mit.
Für die Brauerei steht eine einfache Frage mit weitreichender Bedeutung im Mittelpunkt des Projekts: Es geht nicht nur darum, wie viel Energie zum Bierbrauen benötigt wird, sondern auch darum, wann genau sie gebraucht wird und was sie zu diesem Zeitpunkt kostet. Die Antwort könnte zeigen, ob sich ein so traditionsreicher Prozess wie das Brauen flexibler gestalten lässt – in einem Stromsystem, das zunehmend von Solarstrom, Preisschwankungen und dem Ziel geprägt ist, Strom dann zu nutzen, wenn er am reichlichsten verfügbar ist.