16.07.2026

Eine am Mittwoch in der Fachzeitschrift OENO One veröffentlichte Übersicht kommt zu dem Schluss, dass die Wiederbelebung der Massenselektion in Weinbergen Weinregionen dabei helfen könnte, sich an heißere, trockenere und instabilere Wachstumsbedingungen anzupassen, die mit dem Klimawandel verbunden sind.
Die von Forschern um Sebastian Gomez Talquenca, Cornelis van Leeuwen und Silvina Van Houten verfasste Arbeit untersucht, wie sich der Weinbau über Jahrhunderte von vielfältigen Weinbergsbeständen hin zu einer engeren Abhängigkeit von zertifizierten Klonen entwickelt hat. Die Autoren sagen, dieser Wandel habe die sanitäre Qualität und die Einheitlichkeit verbessert, vor allem durch die Eindämmung der Ausbreitung wichtiger Viruskrankheiten, zugleich aber die genetische Vielfalt innerhalb vieler Sorten verringert. Aus ihrer Sicht macht dieser Verlust die Weinberge nun anfälliger für Hitzewellen, Trockenheit, Schädlinge und neu auftretende Krankheiten.
Massenselektion ist eine ältere Praxis, bei der Winzer mehrere Reben innerhalb eines Weinbergs auswählen, die gewünschte Eigenschaften zeigen, und sie vegetativ vermehren, statt nur einen oder eine sehr kleine Zahl ausgewählter Klone zu vervielfältigen. Die Übersicht sagt, dass der wiederholte Einsatz dieser Methode dazu beigetragen hat, die frühen Populationen hinter vielen Rebsorten aufzubauen, und ein breiteres Spektrum an Merkmalen innerhalb einer einzigen benannten Sorte bewahrt hat.
Die Autoren stellen die Massenselektion nicht als Ersatz für die Klonselektion dar. Stattdessen plädieren sie dafür, dass beide Systeme nebeneinander bestehen. Ihr zentraler Punkt ist, dass mit vielfältigerem Material bepflanzte Weinberge Risiken besser auf unterschiedliche Genotypen, epigenetische Profile und Virome verteilen können, ohne die Sortenidentität zu verlieren. Sie schreiben, dass dieser Ansatz unter sich wandelnden Bedingungen stabilere Erträge, eine bessere Stresstoleranz und die fortgesetzte Ausprägung des Terroirs unterstützen könnte.
Das ist nicht nur für die akademische Rebenforschung relevant, denn die Traubenversorgung bildet die Grundlage des Weinsektors, und jede Strategie, die die Widerstandsfähigkeit im Weinberg verbessert, kann sich auf Produktionsrisiken, Traubenqualität und die langfristige Planung von Weingütern auswirken. Für den breiteren Getränkesektor, insbesondere für Premium-Weinerzeuger mit Bindung an bestimmte Regionen und Sorten, bietet die Idee ein mögliches Anpassungsinstrument in einer Zeit, in der die Klimavolatilität bereits Erntezeitpunkte, Wassermanagement und die Eignung von Standorten verändert.
Die Übersicht führt das Thema auf die lange Geschichte der Domestikation der Rebe zurück. Dem Papier zufolge gingen kultivierte Rebstöcke aus Wildpopulationen hervor, durch Selektion auf Merkmale wie zwittrige Blüten, größere Beeren und höheren Zuckergehalt. Es verweist außerdem auf neuere genomische Erkenntnisse, die die alte Vorstellung eines einzigen Ursprungs domestizierter Reben in der transkaukasischen Region infrage stellen. Unter Berufung auf aktuelle Forschung sagen die Autoren, die Domestikation der Rebe habe wahrscheinlich mindestens zwei getrennte Ereignisse in Westasien und im Gebiet Kaukasus-Zentralasien umfasst.
Sie beschreiben auch, wie sich der Weinbau westwärts über das Mittelmeer ausbreitete und sich mit lokalen Wildrebenpopulationen vermischte, insbesondere in Italien und auf der Iberischen Halbinsel. Dieser Prozess, so schreiben sie, habe dazu beigetragen, moderne europäische Sorten als Kombinationen aus östlicher Abstammung und lokaler Anpassung hervorzubringen. Praktisch betrachtet stellt die Übersicht die heutigen Rebsorten nicht als feste und einheitliche Gebilde dar, sondern als langlebige Populationen, die durch Migration, Mutation und wiederholte menschliche Selektion geprägt wurden.
Die Arbeit misst Befunden aus Archäologie und Paläogenomik besonderes Gewicht bei. Sie verweist auf Studien, die zeigen, dass vegetative Vermehrung bereits in der Eisenzeit weit verbreitet war und in der Römerzeit zentral wurde. Antike römische Autoren beschrieben Reben nach Namen und agronomischem Verhalten, was darauf hindeutet, dass Winzer bereits Gruppen von Elitepflanzen auswählten und vervielfältigten, statt sich nur auf Sämlinge zu verlassen.
Neuere in der Übersicht zitierte genetische Arbeiten deuten darauf hin, dass einige Klonlinien seit Jahrhunderten fortbestehen. Die Autoren verweisen auf Befunde, die mittelalterliche Traubenkerne mit modernen Sorten wie Savagnin und Chenin blanc in Verbindung bringen. Sie zitieren außerdem Forschung, die eine direkte Kontinuität zwischen antiken Proben und modernem Pinot noir nahelegt. Für die Autoren hilft dieser lange Zeitraum zu erklären, warum ältere Sorten oft eine beträchtliche innere Vielfalt aufweisen, die sich im Laufe der Zeit durch somatische Mutationen aufgebaut hat.
Die Übersicht sagt, dass die Vielfalt im 20. Jahrhundert stark eingeengt wurde. Nach der Reblaus, dem Zweiten Weltkrieg und der Ausweitung kommerzieller Rebschulen brauchten die Winzer gesundes Pflanzmaterial in großem Maßstab. Die Klonselektion erfüllte dieses Bedürfnis, indem sie Reben vor der breiten Vermehrung auf Gesundheitszustand und agronomische Leistung prüfte. Das System verringerte große Virusprobleme und machte die Anlage von Weinbergen berechenbarer.
Doch nach Ansicht der Autoren führte die starke Abhängigkeit von einer kleinen Zahl zertifizierter Klone in vielen Regionen zu genetischen Engpässen. In einigen Premium-Weinbaugebieten, so merken sie an, sind große Flächen nur mit wenigen Klonen derselben Sorte bepflanzt. Das kann dazu führen, dass Weinberge auf Stress einheitlicher reagieren. Wenn alle Reben ähnliche Schwächen teilen, kann ein extremes Wetterereignis oder Krankheitsdruck sie gleichzeitig treffen.
Die Übersicht sagt, dass direkte Feldvergleiche zwischen monoklonalen Weinbergen und Massenselektionen unter bestimmten Stressbedingungen weiterhin begrenzt sind, und räumt ein, dass dies eine wichtige Forschungslücke bleibt. Dennoch argumentiert sie, dass die Theorie der Populationsgenetik und Befunde aus anderen Kulturen die Annahme stützen, dass größere genetische Einheitlichkeit die Anfälligkeit für biotischen Stress erhöhen kann. Sie verweist außerdem auf rebenspezifische Evidenz, die Unterschiede zwischen Klonen bei resistenzbezogenen Merkmalen wie der Stilbenproduktion zeigt, die mit der Reaktion auf Falschen Mehltau verbunden ist.
Ein weiterer Teil der Arbeit befasst sich damit, woher die Variation innerhalb einer Sorte stammt. Die Autoren nennen somatische Mutationen als eine Quelle klonaler Unterschiede und sagen, dass auch epigenetische Veränderungen beeinflussen können, wie Reben auf ihre Umwelt reagieren. Hinzu komme, dass sich die Zusammensetzung des Viroms ebenfalls zwischen Pflanzen unterscheiden könne. Zusammengenommen bedeuten diese Faktoren, dass selbst zertifizierte Klonsammlungen für Winzer und Züchter noch nützliche Vielfalt enthalten können.
Die Übersicht argumentiert, dass diese verbleibende Variation mit modernen Werkzeugen systematischer gemessen werden sollte. Sie hebt Hochdurchsatz-Genotypisierung, Metagenomik und Technologien des Precision Viticulture als Möglichkeiten hervor, nützliche Merkmalskombinationen innerhalb vorhandenen Weinbergsmaterials zu identifizieren. Statt Vielfalt als Störgröße zu behandeln, könnten Winzer sie nach Ansicht der Autoren strategisch nutzen, indem sie gemischte Populationen an bestimmte Standorte anpassen.
In diesem Sinne versteht die Arbeit Massenselektion als Teil des Precision Viticulture und nicht als Rückkehr zu einem überholten System. Es geht nicht einfach darum, alte Reben aus historischen Gründen zu bewahren, sondern dynamische Populationen zu erhalten, die sich unter lokalen Bedingungen weiterentwickeln und zugleich Produktionsziele erfüllen können. Die Autoren sagen, dies könne dazu beitragen, seltene Allele und strukturelle Varianten zu bewahren, die in stark standardisierten Klonsystemen andernfalls verschwinden könnten.
Sie verweisen auch auf Beispiele, die zeigen, wie benannte Sorten durch Geografie geprägte unterschiedliche innere Linien enthalten können. Bei Tempranillo etwa hat die Genom-Neu-Sequenzierung drei klonale Linien identifiziert, die entlang der spanischen Flussbecken von Ebro und Duero strukturiert sind. Die Übersicht nutzt solche Fälle, um zu argumentieren, dass das, was Winzer als eine Sorte bezeichnen, tatsächlich eine Reihe divergierender Subpopulationen sein kann, die durch jahrhundertelange lokale Selektion entstanden sind.
Für Weinregionen unter Klimadruck könnte diese Unterscheidung wichtiger werden. Wenn eine Subpopulation unter Trockenheit oder Hitze besser abschneidet, während eine andere für kühlere oder feuchtere Standorte besser geeignet ist, kann die Bewahrung innerer Vielfalt den Winzern mehr Optionen geben, ohne dass sie etablierte Sorten oder Appellationsregeln aufgeben müssen.
Der Artikel ging am 16. April bei OENO One ein, wurde am 6. Juni angenommen und am 15. Juli in Band 60, Ausgabe 3 der Zeitschrift veröffentlicht. Als Übersichtsarbeit erhebt er nicht den Anspruch, jede praktische Frage zur Leistung von Weinbergen unter Klimastress zu klären. Er bündelt jedoch historische Quellen, genomische Studien und aktuelle weinbauliche Forschung, um dafür zu argumentieren, dass Resilienz nicht nur von neuer Technologie oder neuen Standorten abhängen könnte, sondern auch davon, die bereits in traditionellen Rebsorten vorhandene Vielfalt wiederzugewinnen.
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