08.05.2026

Kampanien unternimmt Schritte, um seine historischen Weinberge sowohl als Kulturgut als auch als Quelle genetischen Materials zu schützen, das die Weinwirtschaft der Region in den kommenden Jahren mitprägen könnte, wie aus einem von Unione Italiana Vini veröffentlichten Bericht hervorgeht. Die Initiative steht für einen breiteren Trend in Süditalien, alte Reben, traditionelle Erziehungssysteme und seltene lokale Sorten zu bewahren, die Jahrzehnte industrieller Standardisierung und in einigen Fällen auch dem Druck des Klimawandels standgehalten haben.
Die historischen Weinberge der Region werden nicht nur wegen ihres Alters oder ihres Erscheinungsbilds geschätzt. Sie sind lebendige Zeugnisse der landwirtschaftlichen Geschichte Kampaniens und verfügen über Pflanzenmaterial, das sich für künftige Züchtung, die Widerstandsfähigkeit der Weinberge und Anpassungsprozesse als nützlich erweisen könnte. Zu diesen Weinbergen zählen vor der Reblauskrise angelegte Bestände, alberate aversane, alte unveredelte Reben und traditionelle Systeme, die tief in der lokalen Agrarkultur verwurzelt sind. Praktisch bedeutet ihre Bewahrung den Schutz einer Biodiversität, die den Erzeugern helfen kann, auf Krankheitsdruck, Hitzestress und veränderte Anbaubedingungen zu reagieren.
Ein wichtiger Schritt in diesem Prozess war eine von SeSIRCA zwischen 2010 und 2012 durchgeführte Erhebung. Diese Kartierung dokumentierte historische Weinberge in Irpinia, den Phlegräischen Feldern, Ischia, Terra di Lavoro, Sannio und an der Amalfiküste. Erfasst wurden alte Bestände von Aglianico, Falanghina, Biancolella, Asprinio, Pallagrello, Casavecchia und Tintore sowie weitere seltene Sorten. Die Erhebung verzeichnete zudem Fälle, die als besonders fragil oder vom Verschwinden bedroht gelten, darunter Greco Muscio und Campanile, und machte damit deutlich, wie schnell genetische Ressourcen ohne kontinuierliche Beobachtung verloren gehen können.
Später verlieh die Regionalregierung dem Thema mit Dekret Nr. 50 vom 27. Mai 2025 formelle Anerkennung und schuf damit eine offizielle Liste historischer und heroischer Weinberge in Kampanien. Diese Maßnahme ebnete den Weg dafür, dass diese Standorte nach regionalen Schutzvorschriften als Landschaftsgüter anerkannt werden können. Für Winzer und Forscher markierte das Dekret einen Wandel von der informellen Wertschätzung hin zu institutioneller Unterstützung für Weinberge, die lange als Teil des ländlichen Erbes der Region galten, aber nicht immer als strategische Ressourcen behandelt wurden.
Die Arbeit ist auch mit neuen Projekten verknüpft, die Bewahrung und Experiment verbinden. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit zwischen Feudi di San Gregorio und dem Archäologischen Park von Pompeji, wo Reben wieder an einen Ort zurückkehren sollen, der eng mit der mediterranen Geschichte verbunden ist. Das Projekt nutzt genetisches Material aus hundertjährigen Reben in Irpinia und verbindet so modernen Weinbau mit Archäologie und Landschaftsrestaurierung. In diesem Fall werden historische Reben nicht nur als Relikte bewahrt. Sie dienen vielmehr als Materialquelle für Forschung und für Pflanzungen an einem Ort, an dem sich Weingeschichte unmittelbar im Zusammenhang mit dem Ort selbst untersuchen lässt.
Für den Weinsektor Kampaniens geht die Bedeutung über Nostalgie hinaus. Historische Weinberge können als Freiluftlabore dienen, um zu verstehen, wie älteres Pflanzenmaterial unter heutigen Bedingungen reagiert. Sie können auch Hinweise auf Eigenschaften liefern, die über Generationen hinweg von Landwirten ausgewählt wurden, die mit lokalen Böden und Mikroklimata arbeiteten statt mit standardisierten kommerziellen Modellen. Damit sind sie nicht nur für Historiker und Naturschützer relevant, sondern auch für Produzenten, die nach praktischen Antworten auf künftige Herausforderungen suchen.
Der Ansatz der Region zeigt, wie sich die Weinpolitik in Italien verändert. Bewahrung beschränkt sich nicht mehr darauf, landschaftlich reizvolle Gebiete oder bekannte Marken zu schützen. Sie umfasst inzwischen auch den Schutz genetischer Vielfalt, die Dokumentation alter Weinbergsysteme und die Nutzung dieser Ressourcen in der angewandten Forschung. In Kampanien, wo die Weinproduktion eng mit Identität und Territorium verbunden ist, ist daraus Teil einer größeren Strategie geworden: den lokalen Weinbau in seiner Vergangenheit zu verankern und ihn zugleich auf das Kommende vorzubereiten.
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