Italiens Weinwirtschaft trägt 40,7 Milliarden Euro zur Wirtschaft bei
Zusammen mit indirekten Effekten entspricht der Sektor 2,1 % des BIP. Klimaschäden und Exportrückgänge setzen kleinen Erzeugern zu
Mittwoch, 21. Oktober 2026

Der italienische Weinsektor und seine gesamte Wertschöpfungskette erwirtschaften unter Einbeziehung indirekter und induzierter Effekte 40,7 Milliarden Euro. Das entspricht 2,1 % des Bruttoinlandsprodukts des Landes. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer strategischer Bericht von The European House Ambrosetti, der beim abschließenden Forum der Community Visione Vino in Voghera im Weinbaugebiet Oltrepò Pavese in der Lombardei vorgestellt wurde.
Der Bericht mit dem Titel „Visione Vino 2026 - Deep Roots, Distant Gaze“ zeichnet das Bild eines Sektors, der weiterhin zu Italiens stärksten Agrar- und Exportbranchen zählt, inzwischen aber zunehmend unter Druck steht: durch den Klimawandel, geopolitische Instabilität, die im Durchschnitt geringe Unternehmensgröße, den Mangel an Arbeitskräften und Fachkenntnissen, den Generationenwechsel sowie veränderte Konsummuster. Zu den wichtigsten Empfehlungen zählen der Ausbau von Unternehmensnetzwerken und Kooperationen, höhere Investitionen in Innovation und digitale Werkzeuge, ein strukturierter Plan zur Entwicklung von Kompetenzen und zur Gewinnung von Fachkräften, eine koordinierte internationale Vermarktung sowie ein breiter angelegter Ansatz, der Wein nicht nur als Produkt, sondern auch als Kulturgut und Ausdruck seiner Herkunft präsentiert.
Dem Bericht zufolge erwirtschaftete der italienische Weinsektor 2025 einen Umsatz von 16,5 Milliarden Euro und eine direkte Wertschöpfung von 4,7 Milliarden Euro. Er umfasst 681.000 Hektar Rebfläche in allen Regionen und 530 geschützte Ursprungs- und geografische Herkunftsbezeichnungen. Bezieht man die gesamte Wertschöpfungskette ein, steigt der Umsatz auf 36,8 Milliarden Euro und die direkte Wertschöpfung auf 15,1 Milliarden Euro. Unter Berücksichtigung indirekter und induzierter Effekte beläuft sich der gesamte Beitrag zur Wirtschaft auf 40,7 Milliarden Euro.
Laut Ambrosetti wirkt sich der Weinsektor direkt auf vier Wirtschaftszweige und indirekt auf zehn weitere aus, die die Gruppe den Bereichen Vermittlung, Vertrieb, Gastronomie und unternehmensnahe Dienstleistungen zuordnete. Allein Vermittlung, Vertrieb und Restaurants erwirtschaften eine Wertschöpfung von 10,4 Milliarden Euro – zusätzlich zu den 4,7 Milliarden Euro, die direkt im Weinsektor entstehen. Der Bericht beziffert den Multiplikator der erweiterten Weinwirtschaft auf 2,7. Das bedeutet: Für jeden Euro direkter Wertschöpfung werden weitere 1,70 Euro in der übrigen Wirtschaft angestoßen. Damit liegt der Wert über dem Multiplikator von 2,5 für die gesamte Agrar- und Ernährungswirtschaft.
Beim Forum in Voghera standen auch die Risiken für den Sektor im Mittelpunkt. Laut Ambrosetti erreichte der globale Unsicherheitsindex 2025 einen historischen Höchststand und lag damit 8,5-mal so hoch wie 1990. In einer Umfrage der Food-and-Beverage-Community der Gruppe vom März 2026 gaben sieben von zehn Unternehmen an, sich Sorgen um ihre Geschäftstätigkeit zu machen. Kleine und mittlere Unternehmen waren dabei 6,4-mal stärker betroffen als größere Firmen.
Der Klimawandel wurde als sichtbarste strukturelle Bedrohung eingestuft. Die wirtschaftlichen Schäden durch Klimaereignisse in der Europäischen Union hätten sich im vergangenen Jahrzehnt um das 2,8-Fache erhöht, heißt es im Bericht. Italien liegt mit jährlichen Schäden von 13,4 Milliarden Euro an der Spitze der EU. 2025 waren 46 % der europäischen Unternehmen von Klimaereignissen betroffen. In Italien sind nur 10 % der landwirtschaftlichen Flächen gegen Klimarisiken versichert, gegenüber einem EU-Durchschnitt von 42 %.
Für Weinbaugebiete weist der Bericht genauere Daten aus. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 verzeichneten italienische Weinbaugemeinden im Vergleich zum Zeitraum 1961–1990 eine durchschnittliche Temperaturabweichung von +2,4 Grad Celsius. In Norditalien fiel der Anstieg mit +2,8 Grad stärker aus, in Mittelitalien lag er bei +2,5 Grad. Der Bericht verweist auf Schätzungen, wonach bis zum Ende des Jahrhunderts bis zu 90 % der traditionellen Weinbaugebiete in tiefer gelegenen und küstennahen Regionen Spaniens, Italiens und Griechenlands gefährdet sein könnten, vor allem aufgrund von Dürren und Hitzewellen. Gleichzeitig verbessern wärmere Bedingungen die Eignung von Gebieten, die früher als Randlagen für den Weinbau galten. Im Vereinigten Königreich stieg die Rebfläche im Ertrag von etwa 1.300 Hektar im Jahr 2012 auf 3.400 Hektar 2023. Auch in Nordfrankreich entstehen neue Möglichkeiten.
Trotz dieser Belastungen haben sich die italienischen Weinexporte dem Bericht zufolge innerhalb von 15 Jahren wertmäßig verdoppelt: von 3,9 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 7,8 Milliarden Euro 2025. Das durchschnittliche jährliche Wachstum lag bei 4,7 %. Zuletzt hat sich die Entwicklung jedoch abgeschwächt. 2025 gingen die Exporte gegenüber 2024 um 3,7 % zurück. Von Istat-Daten, die bei der Diskussion angeführt wurden, geht ein weiterer Rückgang um 5,3 % in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum hervor. Auf die Vereinigten Staaten, Deutschland und das Vereinigte Königreich entfallen weiterhin fast die Hälfte aller Exporte. Ein großer Teil des Rückgangs wurde mit der schwachen Nachfrage in diesen drei Märkten in Verbindung gebracht, darunter mit zollbedingten Problemen in den USA.
Dennoch sind die italienischen Weinexporte laut Bericht heute weniger stark auf eine kleine Zahl ausländischer Absatzmärkte konzentriert als früher. Auf die zehn wichtigsten Exportmärkte entfallen inzwischen 73 % der Gesamtexporte – acht Prozentpunkte weniger als 2010. Ambrosetti sieht außerhalb Europas noch erhebliches Wachstumspotenzial. Die italienischen Weinexporte entsprechen 44 Euro pro Kopf in der Schweiz, 18 Euro in Belgien und 17 Euro in Schweden. In China sind es dagegen etwa 0,10 Euro, in Indonesien 0,01 Euro und in Indien 0,002 Euro. In einem von TEHA Group entwickelten Szenario würden die Verkäufe in China 700 Millionen Euro übersteigen, wenn die italienischen Weinexporte dorthin 0,50 Euro pro Kopf erreichten. Das wäre etwa das Zehnfache des aktuellen Werts von 66 Millionen Euro.
Der Bericht hob auch hervor, dass der Sektor weiterhin stark von Familienunternehmen geprägt ist. Familienbetriebe halten 65 % des Nettovermögens der italienischen Weinwirtschaft. Werden Genossenschaften einbezogen, steigt der Anteil auf 81,5 %. Dem Bericht zufolge haben 30,4 % der Familienunternehmen im Sektor den Generationenwechsel bereits abgeschlossen, bei 39,2 % läuft der Prozess derzeit. Unternehmen, die den Übergang vollzogen haben, meldeten ein Umsatzwachstum von 8,8 % und einen Anstieg der Investitionen um 18 %.
Das hängt mit der allgemeinen Überalterung in der Landwirtschaft zusammen. In Italien sind 45 % der landwirtschaftlichen Betriebsinhaber älter als 65 Jahre – zehn Prozentpunkte mehr als im EU-Durchschnitt. Auch die Struktur der Weinwirtschaft bringt zusätzliche Einschränkungen mit sich. Laut Ambrosetti sind 95 % der Weinunternehmen Kleinbetriebe, auf die 49 % des Gesamtumsatzes entfallen. Der Exportrückgang 2025 fiel in Regionen mit einem höheren Anteil an Kleinstunternehmen stärker aus. Das deute auf einen klaren Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und internationaler Reichweite hin, so der Bericht.
Auch das Konsumverhalten verändert sich. TEHA schätzt, dass nur 14 % der Italiener unter 35 Jahren zu alltäglichen Mahlzeiten Wein trinken. Bei den über 65-Jährigen sind es 38 %. Unter den jüngeren Konsumenten verbinden 50 % Wein vor allem mit besonderen Anlässen, verglichen mit 34 % der älteren Weintrinker. Dieser Wandel sollte den Sektor dazu veranlassen, die Art der Präsentation und Vermittlung von Wein zu überdenken, heißt es im Bericht. Dabei sollten Herkunft, Landschaft, Menschen, Kultur, gesellschaftliches Leben, Know-how und Qualität stärker in den Vordergrund rücken.
Digitale Werkzeuge wurden als möglicher Lösungsansatz vorgestellt, ihre Nutzung ist jedoch unterschiedlich weit verbreitet. Dem Bericht zufolge verwenden bereits 48,6 % der Weinkonsumenten digitale Werkzeuge, vor allem um Informationen und Bewertungen zu suchen sowie neue Weine und Erzeuger zu entdecken. Weingüter sehen den E-Commerce über Direktvertrieb oder Marktplätze als wichtigsten Treiber des Umsatzwachstums bis 2030. Gleichzeitig ist die digitale Reife noch begrenzt. Etwa die Hälfte der Weingüter gab an, keine künstliche Intelligenz zu nutzen, und weniger als 5 % nannten E-Commerce und Digitalisierung als Trends, die es im Blick zu behalten gilt.
Auch beim Weintourismus klaffen Nachfrage und unternehmerische Vorbereitung auseinander. Laut Bericht nahmen 53 % der Konsumenten in den vergangenen zwölf Monaten an mindestens einer weintouristischen Aktivität teil. Für 32,4 % der Weingüter macht dieser Geschäftszweig bereits mehr als 5 % des Umsatzes aus. Rund 40 % der Konsumenten nutzen bereits künstliche Intelligenz, um Weintourismus-Erlebnisse zu planen, oder halten es für sehr wahrscheinlich, dies künftig zu tun. Bei den Weingütern verfügen dagegen nur 31 % über eine festgelegte digitale Strategie für diesen Bereich.
Ambrosetti zufolge stützt sich die Studie auf eine repräsentative Umfrage unter etwa 1.000 italienischen Konsumenten, eine Befragung von 72 Weingütern im Juli 2026, eine Analyse von 14 Wirtschaftszweigen sowie eine Auswertung italienischer und internationaler Fallstudien. Die erste Ausgabe des Projekts wurde von Assolombarda, der Handelskammer Cremona-Mantua-Pavia, der Provinz Pavia, Fondazione Monte di Lombardia, Gruppo Berlucchi, Business Strategies und Rina unterstützt, außerdem vom Consorzio dei Vini di Oltrepò und Colline e Oltre.