Weinabfall-Forschung hinkt ihrem technischen Potenzial hinterher

15.04.2026

Eine Übersichtsstudie zeigt: Die meisten Arbeiten zur industriellen Symbiose in der Branche bleiben auf Laborebene – mit wenig Forschung zu Skalierung, Governance oder Regulierung

Eine neue systematische Übersichtsarbeit zur Forschung über industrielle Symbiose in der Wein-Wertschöpfungskette kommt zu dem Schluss, dass es zwar eine große und wachsende Zahl technischer Studien gibt, es aber weiterhin an praktischer, organisatorischer und regulatorischer Arbeit fehlt, um von Laborideen zur Anwendung in der Praxis zu gelangen.

Die am Mittwoch im Journal of Industrial Ecology bei Springer Nature veröffentlichte Review-Studie wertete 122 Artikel aus und stellte fest, dass sich das Feld noch in einem frühen Reifestadium befindet. Nach Angaben der Autoren waren 60% der untersuchten Arbeiten experimentelle Laborstudien, und die meisten konzentrierten sich auf Traubentrester, den festen Rückstand, der nach dem Pressen der Trauben für die Weinbereitung übrig bleibt. Technologische Fragen wurden in 91,9% der Arbeiten als Hemmnis genannt, während ökologische Nachhaltigkeit in 94,9% als Treiber identifiziert wurde.

Die Studie untersuchte bis Mai 2025 in Scopus und Web of Science veröffentlichte Forschung und nutzte die PRISMA-Methode zur Sichtung der Literatur. Anschließend analysierten die Autoren die Arbeiten nach Methodik, Geografie, Nebenproduktart, aufnehmender Industrie, Stakeholdern, Treibern und Hemmnissen. Zudem führten sie eine Clusteranalyse von 99 Originalarbeiten durch, um übergeordnete Muster im Feld zu identifizieren.

Die Übersichtsarbeit erscheint vor dem Hintergrund des Drucks auf Weingüter und Winzer, Abfälle zu reduzieren und neue Verwendungen für Nebenprodukte zu finden, darunter Trester, Stiele, Hefesatz, Schnittreste, Blätter und Abwasser. Die Autoren schätzen auf Basis der für 2023 gemeldeten Rebflächen und Produktionsmengen, dass die weltweite Weinproduktion jährlich mehr als 35 Millionen Tonnen Nebenprodukte erzeugt.

Unter industrieller Symbiose versteht man Arrangements, bei denen der Abfall oder das Nebenprodukt eines Unternehmens zum Input eines anderen wird. Im Weinsektor kann das bedeuten, Traubenschalen zu Zutaten für Lebensmittel, Kosmetik oder Nutraceuticals zu verarbeiten; Stiele oder Trester für Bioenergie zu nutzen; oder andere industrielle Verwendungen für Rückstände aus dem Weingut zu finden. Die Review argumentiert, dass diese Möglichkeiten zwar im kleinen Maßstab intensiv untersucht wurden, der Organisation über Unternehmen, Regionen und Lieferketten hinweg jedoch weit weniger Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Nach Angaben der Autoren zeigte ihre Analyse drei zentrale Forschungsstränge. Einer ist eine technikzentrierte Linie mit Fokus auf Anwendungen mit hohem Wertschöpfungspotenzial. Ein zweiter konzentriert sich auf Lösungen der Massen-Bioökonomie. Der dritte Strang, den sie als kritisch unterentwickelt beschrieben, befasst sich mit systemischer Umsetzung. Diese Lücke ist relevant, weil viele vielversprechende Technologien nicht über Pilotstudien oder kontrollierte Umgebungen hinauskommen.

Das Papier sagt, diese Diskrepanz spiegele wider, was Innovationsforscher oft als „Valley of Death“ bezeichnen – also den Bereich zwischen technischer Machbarkeit und kommerzieller Skalierung. In der ausgewerteten Weinliteratur fanden die Autoren vergleichsweise wenig Arbeiten zu Geschäftsmodellen, kooperativer Governance, gesellschaftlicher Akzeptanz oder Skalierungsstrategien. Diese Themen seien jedoch entscheidend, wenn Weingüter, Verarbeiter und andere Unternehmen stabile Austauschnetzwerke rund um Nebenprodukte aufbauen sollen.

Auch die geografische Dimension spielte in der Review eine Rolle. Die Autoren erklärten, industrielle Symbiose sei häufig an regionale Cluster gebunden, weil der Transport von Biomasse mit geringer Dichte kostspielig sein könne. Deshalb sei die räumliche Nähe zwischen Weinbergen, Weingütern und potenziellen Abnehmerindustrien wichtig, damit ein zirkuläres System effizient funktionieren könne. Zugleich passe die Literatur nicht immer zu den großen Weinbauregionen in einer Weise zusammen, die regionale Planung oder Strategien intelligenter Spezialisierung unterstützen würde.

Die Übersichtsarbeit legt zudem nahe, dass sich die Forschung stark auf „harte“ Faktoren wie Technologie und Wirtschaft konzentriert hat, während „weiche“ Faktoren wie Regulierung, Institutionen und Kultur weniger Beachtung fanden. Nach Ansicht der Autoren können gerade diese weicheren Aspekte ausschlaggebend sein, wenn Unternehmen Materialien teilen oder sektorübergreifend koordinieren wollen.

Für politische Entscheidungsträger und Branchenverbände ergeben sich aus den Ergebnissen mehrere Prioritäten: mehr anwendungsorientierte Forschung zur Skalierung; bessere Logistik für den Transport von Rückständen; klarere Regeln für die Nutzung von Nebenprodukten; sowie eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Weingütern, Forschern, Regulierungsbehörden und nachgelagerten Industrien. Für die Forschung plädiert das Papier für einen Wandel weg von der Frage, was prinzipiell möglich ist, hin zu der Frage, was sich in einer Weinregion oder entlang einer Lieferkette tatsächlich umsetzen lässt.

Die Autoren sagten außerdem, ihr Rahmenwerk könne auch in anderen Agrar- und Lebensmittelsektoren eingesetzt werden, die vor ähnlichen Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft stehen.