Deutsche Winzer kämpfen mit Preisverfall

2026-05-05

Steigende Kosten, sinkender Weinkonsum und billige Importe setzen Betriebe wie den Fassweinproduzenten Thomas Schäfer unter Druck

Thomas Schäfer steht an diesem Wintermorgen in Worms-Herrnsheim vor einem Geschäft, das lange nach Wachstum aussah und nun vor allem nach Überleben. Der 39 Jahre alte Winzer aus Rheinhessen ist nach eigenen Angaben der größte Fassweinproduzent der Region. Er baut Trauben für andere an und verkauft Wein in Tankwagen an Kellereien, die ihn später für den Handel abfüllen. Im vergangenen Jahr waren es 6 Millionen Liter. Doch die Rechnung geht immer seltener auf. Die Preise sind so niedrig wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr, sagt Schäfer, und er müsse inzwischen darum kämpfen, seine Mengen überhaupt noch zu einem rentablen Preis abzusetzen.

Die Lage bei Schäfer steht für eine Entwicklung, die viele deutsche Winzer trifft: steigende Kosten, sinkender Konsum und ein Markt, der unter Druck gerät. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist die Zahl der Winzerbetriebe von 2013 bis 2023 um etwa ein Viertel auf 14.150 gesunken. Simone Loose, die das Institut für Wein- und Getränkewirtschaft an der Hochschule Geisenheim leitet, rechnet damit, dass sich der Markt in den kommenden 20 Jahren weiter deutlich verkleinern wird. Sie wertet seit Jahren Daten von mehr als 700 Betrieben aus, die ihren Wein selbst vermarkten. Für sie war 2022 eine Zäsur: Seitdem seien die Kosten um mehr als ein Drittel gestiegen, vor allem für Energie, Flaschen, Verpackung, Sprit, Dünger und Löhne.

Gleichzeitig trinken die Deutschen weniger Wein. Jeder Erwachsene kommt im Schnitt auf 21,5 Liter pro Jahr, vor fünf Jahren waren es noch 24,3 Liter. Loose verweist auf den demografischen Wandel und auf veränderte Gewohnheiten jüngerer Menschen. Vor allem die Gen Z verzichte zunehmend auf Alkohol. Hinzu komme der Preis: Seit Beginn des Ukrainekriegs seien Lebensmittel im Durchschnitt um 30% teurer geworden, sagt Loose. Wer im Supermarkt zur Flasche greife, entscheide sich deshalb oft für das billigere Angebot. Das komme jedoch häufig nicht aus Deutschland, sondern aus Frankreich, Italien oder Spanien. Dort gehe der Konsum ebenfalls zurück, und überschüssige Ware werde in Deutschland zu niedrigen Preisen abgesetzt.

Für Thomas Schäfer hat sich diese Entwicklung in harten Zahlen niedergeschlagen. Sein Weingut wurde vor 50 Jahren von seinem Vater Hans-Josef aufgebaut. Schäfer übernahm es 2010 mit dem Gefühl, die Branche zu kennen. Heute sagt er: „Der Preisverfall ist tödlich.“ Im Jahr 2023 erzielte er trotz Hagelschäden kurz vor der Ernte noch durchschnittlich 90 Cent pro Liter. 2024 fiel der Preis auf 64 Cent, 2025 lag er nur noch bei 53 Cent pro Liter. Schäfer sagt, er brauche mindestens 70 Cent, um seine Kosten zu decken.

Der Druck hat auch Folgen für die Beschäftigung. Früher arbeiteten in Spitzenzeiten bis zu 60 Saisonkräfte und 19 Festangestellte auf dem Betrieb. In diesem Jahr startet Schäfer mit nur noch 13 festen Mitarbeitern. Wie viele andere Winzer hat er seine Produktion umgestellt und setzt stärker auf Minimalschnitt. Dabei werden die Reben nicht mehr per Hand geschnitten und gebunden; stattdessen fahren Traktoren mit rotierenden Messern durch die Reihen und stutzen die Stöcke an beiden Seiten. Schäfer sagt, so lasse sich der Arbeitsaufwand von 180 auf 70 Stunden pro Hektar und Jahr senken. Die Methode gilt als bewährt, ist aber riskant, weil sich der Ertrag schlechter steuern lässt.

Auch historisch hat die Branche schon Krisen erlebt. Schäfers Vater erinnert sich an den Glykol-Skandal von 1985, als die Nachfrage einbrach und Händler mit Werbesprüchen um Vertrauen warben. Später kam eine Phase zurückkehrender Nachfrage, besonders nach Rotwein und Dornfelder. Doch diesmal ist die Lage anders: Die Kosten steigen weiter, während der Absatz schwächer wird und billige Importweine den Markt zusätzlich belasten.

Schäfer sagt, bei ihm sei alles „auf Kante genäht“. Er habe seine Fläche in den vergangenen 15 Jahren durch Pacht fast verdoppelt und auf rund 500 Hektar erweitert. Auch auf pilzwiderstandsfähige Sorten setzte er früh, weil sie weniger Pflanzenschutzmittel brauchen und günstiger zu produzieren sind als herkömmliche Reben. Doch selbst dieser Kostenvorteil reicht ihm inzwischen nicht mehr aus, um gegen den Preisverfall anzukommen.